Alternativwirtschaft in Freiburg

(Von Michael Berger) Wie in Berlin, München und Frankfurt entstanden in Freiburg kleine Betriebe, die von der Leitvorstellung „zusammen leben und arbeiten“ motiviert waren. Gleicher Lohn für alle, hierarchielose Mitbestimmung, flexible Arbeitszeiten, Kostendeckung statt Gewinnerzielung und Selbstverwirklichung waren die Zielvorstellungen. Die zum Teil langlebigen Gebilde passten sich entweder allmählich der wirtschaftlichen Entwicklung ihres Umfelds an oder gingen unter.

Der Buchladen Jos Fritz

Der Buchladen gehört zu den ältesten Alternativbetrieben in Freiburg. Er wurde im April 1975 gegründet. Der Anlass war recht typisch. 1967 hatte eine Gruppe von Studierenden in der Herrenstraße den Buchladen „Libre libro“ ins Leben gerufen, der linke Literatur und Raubdrucke nicht mehr erhältlicher Klassiker (von Trotzki bis Freud) vertrieb. Er wurde von etwa von zehn Leuten ehrenamtlich geführt. 1975 verdrängte der KBW (unter Michel Moos) die ehrenamtlichen Mitarbeiter und verordnete die Schließung des Ladens, da revolutionäre Literatur nur noch auf der Straße vertrieben werden solle. Klaus Theweleit, Michael Berger und Hans Peter Hermann, sprachen ca. 25 Kollegen aus der Universität an, die sich mit je 1.000 DM an der Gründung der Buchhandlung ASPIRIN beteiligten, ein Name, der von der Firma Bayer innerhalb weniger Wochen untersagt wurde. Da der erste Geschäftsführer Edwin Gantert gerade eine Magisterarbeit über den Lehener Bauernführer JOS FRITZ schrieb, wurde die Firma in POLITISCHE BUCHHANDLUNG JOS FRITZ GMBH & CO KG umbenannt.

Ein wesentlicher Teil der Finanzierung kam aus den Verlustzuweisungen an die Kommanditisten, die ihre Steuererstattung dem Buchladen spendeten.
Das Buchgeschäft selbst wurde außerordentlich „alternativ“ geführt. Die Buchhändler wohnten teilweise im Laden, das äußere Aussehen war höhlenartig, KundInnen kamen eher zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen als zum Bücherkaufen, vier Personen lebten mit 600 DM monatlich vom Laden. Der Laden erwarb sich rasch den Ruf der Unzuverlässigkeit, der ihm noch ein Jahrzehnt anhing. Die Bewegung gegen ein Atomkraftwerk in Wyhl hatte im Laden ein Zentrum, einer der bekanntesten Sänger, Buki, war Buchhändler. In der Hochblüte der Hausbesetzerbewegung 1978-1982 war der Laden Informationszentrale. Fahrkartenverkauf zu Großdemos und anderen Protestveranstaltungen, Organisation von Telefonketten, Flugblätter und Broschüren nahmen viel Zeit in Anspruch. Auch Gruppen im Umkreis der RAF benutzten den Laden zum Vertrieb von Infos, was zu zahlreichen Durchsuchungen durch das BKA und zu mehreren Vernehmungen in Karlsruhe und Stuttgart führte. Der Buchladen verstand sich als Instrument von Gegenöffentlichkeit.

Der wirtschaftliche Misserfolg ließ nicht auf sich warten, ohne das ständige Nachschießen von Spenden wäre der Laden untergegangen. Mit dem Ende der Sozialen Bewegungen um die Mitte der achtziger Jahre und dem Erstarken der GRÜNEN, verwandelte sich auch der Laden. Eine hellere Beleuchtung, eine Registrierkasse, schließlich eine Lichtkuppel, verbesserter Service, die Auslagerung eines Antiquariats in die Moltkestr. und eine Filiale in Münster, der Wechsel des Sortiments waren die wichtigsten Veränderungen. Schöne Literatur machte nun 60% des Umsatzes aus. Eine Abteilung für Frauenliteratur, Kinderbücher und Krimis waren hinzugekommen. Die KG wandelte sich 1994 in eine GMBH, fast alle Kommanditisten verzichteten auf ihre Einlagen, die allerdings durch die Verlustzuweisungen negativ geworden waren. Der Name „politisch“ wurde aus dem Firmennamen gestrichen. Geblieben ist das Gleichlohnprinzip. Die Geschäftsführung blieb vorerst ausgelagert, Klaus Theweleit war Geschäftsführer ohne formelle Weisungsbefugnis. Wöchentliche Besprechungen regelten alle Fragen. Bis zu 14 Personen waren beschäftigt. Antiquariate, Antiquariatsversand, Institutsgeschäft und Ladengeschäft, sorgten (in dieser Reihenfolge) für den Umsatz.

Mit der Pensionierung von Bibliothekarinnen an der Universität verschwanden auch die Institutsbestellungen. Inzwischen wurde die Belieferung von Schulen zum wichtigsten Segment. Das Antiquariatsgeschäft erlag dem Internet. Ein Antiquar, Wolfgang Rieger machte sich selbstständig. Die Lage in der Wilhelmstraße brachte zu wenig Laufkundschaft, es gab keine wirksame Anbindung an die Innenstadt, der Bürgerverein verhinderte die Ansiedlung neuer Geschäfte, die städtische „Sanierung“ verwandelte das Viertel in eine Wohngegend. Der Umsatz hat sich von 1989 bis 1999 von einer halben Million Euro auf eine Million Euro verdoppelt, und blieb seither so. Die Kostenstruktur entspricht denen anderer Buchhandlungen vergleichbarer Größe. Die alte Kundschaft ist weitgehend verschwunden, bei der 25-Jahrfeier im Marienbad im Jahr 2000 waren die meisten Besucher jünger als der Laden, bei 40-Jahrfeier 2015 erschienen nur noch wenige Mitgründer. Ohne die Buchpreisbindung wäre der Laden kaum lebensfähig, trotz Lesungen und Büchertischen bei öffentlichen Veranstaltungen. Die Buchhandlung ist nicht mehr Teil einer links-alternativen Szene, die es nicht mehr gibt. „Die Zeiten, als das Schild in der Tür klebte „Wegen Demo geschlossen“, sind vorbei“. heißt es trocken auf der informativen Webseite des Buchladens. Aber im zeitgeschichtlichen Segment des Buchladens gibt es Bücher, die sonst in keiner Freiburger Buchhandlung zu finden sind.

Literatur:
Autorenkollektiv Jos Fritz, Freiburg: 20 Jahre Jos Fritz (1995)
Uwe Sonnenberg:  Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in den siebziger Jahren (2016)
Nils Kahlefeld, Linker Buchhandel in der Bundesrepublik – Totgesagte leben länger. Deutschlandfunkkultur.de/literatur-(15.1.2017)
Kaufmann Florian (2019) Gemeinsames Aufbrechen. Kollektive Buchläden in der BRD