Geschichte der Spechtpassage

(von Michael Berger)

Die Anfänge

Laut Angaben der Freiburger Adressbücher * hatten die heutigen Gebäude Wilhelmstr. 15 Ende des 19. Jh. noch die Hausnummer 13a. Richtung Bahnhof folgten auf der südlichen Seite die Häuser mit den Nummern 15: die Weinhandlung Joseph Hepting und Nr.17: die Bahnverwaltung. 1896 wurde in der Nummer 13a. die Wagnerwerkstatt von Fridolin Kammer, aber auch die Kohlenhandlung Hermann Welle genannt. 1897 werden im Anwesen Nr. 13a im Erdgeschoss die Kohlenhandlung Welle und im 1. OG die Frauenarztpraxis Dr. Hermann Joachim aufgeführt. Die Bauanträge aus dieser Zeit verbrannten bei dem Bombenangriff auf Freiburg 1944, aber aus den genannten Daten darf man schließen, dass das heutige Gebäude 1897 fertiggestellt war, so wie es auf den Rechnungen der Firma Welle mit dem Güterzug im Hintergrund abgebildet wurde.

Neubauplan Welle (vermutlich 1894)
Am 1. April 1915 verlegte die Familie Bernhard Specht, als Inhaber der Firma „Heinrich Welle Nachf. Kohlen und Holzhandlung, mechanische Sägerei und Spalterei“ ihren Firmensitz aus der Moltkestr. 34.2 in die um-nummerierte Wilhelmstr. 15. Die Geschäftsräume firmierten in der Güterhallenstr. 11 am damaligen Güterbahnhof, der heutigen Schnewlinstr. Bernhard Specht hatte mit dem Grundstück auch die Firma Welle erworben. Wann die oben offenen Kohlenlager durch geschlossene Gebäudeteile ersetzt wurden und wann der abschließende Torbau errichtet wurde ist unklar. Als 1975 der Buchladen Jos Fritz das Erdgeschoss des Wohnhauses mietete, gab es nur geschlossene Gebäude, die 1983 unter Denkmalschutz standen.

Wie aus den Adressbüchern 1915 ff hervorgeht, bewohnte die Familie Specht das erste Obergeschoss und vermietete Erdgeschoss und das zweite und dritte Obergeschoss.

Relikt der Beschriftung Haas

In einer 5-Zimmerwohnung lebte von 1919 bis 1933 der Versicherungskaufmann Julius Haas mit seiner Familie, der die Wohnung auch als Büro nutzte. Sein Name steht noch heute an der Ostfassade (siehe Bild). Nach seiner Pensionierung zog er in die Schillerstr. 42. Im Oktober 1940 wurde Julius Haas zusammen mit seiner Frau Berta Haas in das Internierungslager Gurs deportiert. Beide wurden in das Lager Rivesaltes verlegt, wo Julius Haas im Februar 1942 im Alter von 68 Jahren an Erschöpfung starb. Seine Frau Berta Haas wurde 1943 im Alter von 60 Jahren in Auschwitz ermordet.

Auch die Süddeutsche Papiergesellschaft Wertheimer & Co hatte ab 1930 ihren Sitz in der Wilhelmstr.15. Das Unternehmen hatte dort zwei Büros und acht Lagerräume. Der Firmengründer Jakob Wertheimer wohnte mit seiner Frau Fanny und ihren drei Kindern Gertrude, Lotte und Heinrich in einer 5-Zimmerwohnung in der Belfortstr.42. Im August 1938 mussten sie ihre Firma verkaufen. 1940 wurde die Familie nach Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet.*

Vermutlich wegen des Niedergangs des Kohlengeschäfts vermietete die Familie Specht außer an die Buchhandlung Jos Fritz immer mehr Räume an kleine Betriebe: 1976 an die Bundschuhdruckerei (ab 1978 Druckwerkstatt im Grün), an eine Keramikwerkstatt und an Nora Glanz, die für ihr Cafe den Namen Jos Fritz usurpierte. Die sehr großen Wohnungen beherbergten Wohngemeinschaften. Als einer der Söhne der Familie Specht mit einem Kinobetrieb in Waldkirch Konkurs anmelden musste, standen auch sie vor dem Konkurs und suchten einen Käufer für das Grundstück. Das war 1984. Dass es gelang, das Anwesen käuflich zu erwerben, hing mit den Nachwirkungen der sozialen Bewegungen und politischen Struktur Freiburgs zusammen.iii