Geschichte der Spechtpassage

KURZE GESCHICHTE FREIBURGS (ab 1850)

1915 bis 1945

Zwischen 1870 und 1914 wuchs die Bevölkerung Freiburgs überwiegend durch Zuwanderung um 50.000 Personen auf ca. 89.000 Einwohner. 1912 gab es 77 produzierende Betriebe mit ca. 6000 Beschäftigten, die 54 größten aus dem Baugewerbe und der Metall -und Holzverarbeitung. Größtes Unternehmen war die Buchdruckerei Herder. Um die Jahrhundertwende hatte sich die Stadtverwaltung entschieden, mehr die Wohn -und Lebensqualität zu fördern, als die industrielle Entwicklung, die man systematisch durch Verweigerung von Konzessionen behinderte. Hinzu kam, dass die Bahnverbindung von Norden nach Süden nicht durch eine Ost West Verbindung ergänzt wurde. Aus der geplanten Verbindung Paris – Freiburg – Wien wurde nur die bis heute die eingleisige Höllentalstrecke Freiburg – Neustadt. Die damals in Deutschland durchschnittlich 3% fehlenden Wohnraums wurde in Freiburg ständig unterschritten, was vor allem die unteren Bevölkerungsschichten bedrückte. Zudem waren Mietwohnungen teurer als in anderen Städten. Die erste elektrische Straßenbahn wurde erst 1901 in Betrieb genommen. Der überaus einflussreiche nationalliberale Oberbürgermeister Otto Winterer bestimmte 25 Jahre lang von 1888 bis 1913 die Geschicke der Stadt.iv

Der erste Weltkrieg verlief in Freiburg wie in anderen Städten. Viele Arbeitsplätze wurden mit Frauen besetzt, Lebensmittel waren knapp oder fehlten völlig, im Dezember 1917 musste ein Viertel der 67.000 Einwohner von öffentlicher Unterstützung leben. Dennoch herrschte bis Ende 1917 überwiegend Siegesstimmung. 3.388 Freiburger Soldaten und Bürger verloren ihr Leben.

Die unmittelbare Nachkriegszeit verlief ruhig. Arbeiter- und Soldatenräte verschwanden mit der ersten Landtags- und Gemeinderatswahl. Zentrum, SPD und DDP verloren Stimmen, blieben aber mit 70% in der Mehrheit. Arbeitslosigkeit, Lebensmittelknappheit und vor allem die Inflation sorgten für große Not. Das einzige größere Industrieunternehmen in Freiburg, die Rhodiaceta, startete erst 1929. Bis zur Wirtschaftskrise 1932/33 kam es zu reger Bautätigkeit. Die „Gartenstadt“ in Haslach wurde 1929 fertiggestellt, die Klinikneubauten hatten 1926 begonnen. Der Flugplatz und ein Radiosender wurden 1926 eröffnet.

1929/30 waren zwei Drittel der Einwohner Freiburgs katholisch, knapp ein Prozent gehörte zum jüdischen Glauben. Die Wirtschaftsstruktur wurde von Kliniken, der Universität, Verwaltung Handel und Fremdenverkehr dominiert. In 50% der Firmen arbeitete der Inhaber oder Betriebsleiter allein. Nur sieben Betriebe beschäftigten mehr als 200 Personen. Vermögende Pensionäre beschäftigten ein Heer von Hausangestellten. Die Zahl der Erwerbslosen in der Weltwirtschaftskrise stieg auf 18,1 % entsprechend gingen die Umsätze von Handwerk und Einzelhandel zurück. Zahllose Wohnungen von Arbeitern, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, wurden auf Anordnung des Oberbürgermeisters Karl Bender erbarmungslos zwangsgeräumt.

Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 wurde die NSDAP mit 35,8 % die stärkste Partei, das Zentrum blieb stabil die SPD erreichte 14,2 %. Kurz darauf wurden die führenden KPD-Mitglieder, sämtliche Freiburger KPD-Stadträte und Stadtverordnete der SPD in „Schutzhaft“ genommen. Andere Parteien lösten sich auf. Oberbürgermeister Karl Bender trat am 9. April 1933 zurück und sein Nachfolger wurde Franz Kerber. Wie deutschlandweit wurden jüdische Hochschullehrer und Lehrer entlassen. Martin Heidegger wurde am 21. April 1933 Rektor der Universität und trat am 1. Mai 1933 öffentlich der NSDAP bei. Unterstützung für die NSDAP kam auch von den Kirchen – bei den Protestanten durch die „Deutschen Christen“, die die Mehrheit im Freiburger Kirchengemeinderat hatten. Der seit 1932 in Freiburg amtierende „braune“ Erzbischof Konrad Gröber riet zur Kooperation mit den Nazis. Die Hauptschriftleiter der Zeitungen wurden ausgewechselt und passten sich der herrschenden Meinung an. Auf die Herrschaftspraktiken der NS-Stadtverwaltung, insbesondere auf die Ermordung der Insassen der Kreispfleganstalt, die Judenverfolgung und die Unterdrückung von Widerstandsgruppen soll hier nicht eingegangen werden.

Die Wohnungsnot blieb unverändert groß, die Ernährungslage war lange ausreichend. Bei dem Bombenangriff am 27.November 1944 kamen 2.800 Personen ums Leben und ca. 20.000 Wohnungen wurden zerstört oder beschädigt. Es kam zu panikartigen Fluchtbewegungen, Plünderungen waren der Tagesordnung. 28.000 Obdachlosen wurde Abreiseerlaubnis erteilt. Am 21. April 1945 übernahmen französische Truppen fast kampflos die Stadt.v