Geschichte der Spechtpassage

Vorspiel zum Kauf der Spechtpassage

Der Kauf der „Spechtpassage“ 1986 erfolgte kurz vor Ende der Hausbesetzer-Bewegung in Freiburg und war vor allem durch den Wunsch nach unkündbarem Gewerberaum für die Buchhandlung Jos Fritz motiviert. Ein vorausgehend gegründeter „Verein für autonome Lebensformen“ war völlig erfolglos geblieben. Ich selbst war 1956 zum Studium nach Freiburg gekommen, wurde 1963 Assistent am Lehrstuhl für neuere und neueste Geschichte an der Uni Freiburg. In meinen Seminaren kam ich ab 1967 in Kontakt mit der Studentenbewegung, durch Klaus Theweleit wurde ich Mitgründer der Jos Fritz Buchhandlung, deren Geschäfte ich in den ersten Jahren führte.
Der Buchladen, im April 1975 gegründet, hatte sich nach  langanhaltenden wirtschaftlichen und personellen Problemen stabilisiert. Bei der Bewegung gegen das Atomkraftwerk Wyhl war er ein wichtiges Informationszentrum. Auch in der Folgezeit konnten alle linken Gruppen ungehindert ihre Broschüren und Zeitschriften auslegen. In der wachsenden Hausbesetzerbewegung verkaufte der Laden Fahrkarten zu Großdemos und anderen Protestveranstaltungen, organisierte Telefonketten und verteilte Flugblätter und Broschüren. Optisch hatte er sich den Zeitläufen angepasst: Eine hellere Beleuchtung, eine Registrierkasse, eine Lichtkuppel, verbesserter Service, die Auslagerung eines Antiquariats in die Moltkestr. und eine Filiale in Münster. Im Sortiment machte „Schöne Literatur“ nun 60% des Umsatzes aus. Eine Abteilung für Frauenliteratur, Kinderbücher und Krimis waren hinzugekommen.

Die Verkaufsabsichten der Familie Specht 1983 führten zu großer Verunsicherung. Die Hausbesetzerbewegung hatte in Freiburg zwar hohe Zustimmungswerte, aber nur Wohnräume konnte man vorübergehend besetzen, Geschäftsräume nicht. Rolf Böhme, Oberbürgermeister seit Oktober 1982, taktierte gegenüber der Hausbesetzerbewegung mit zeitweiser Duldung und unnachsichtiger Räumung. Den Erwerbsabsichten der Nutzer des Grethergeländes trat er durch den Kauf des Grundstücks entgegen. Im Mai 1983 kaufte die Stadt das Gelände für 4,5 Mio. DM von der Erbengemeinschaft Kaffenberger, beschloss aber den Erhalt der Gebäude und verhandelte dann über die teilweise Vermietung an die Nutzer. In Vorgesprächen ließ Böhme offen, ob die Stadt ihr Vorkaufsrecht auch für die Wilhelmstr. 15 ausüben würde. Es war völlig unklar, ob ein neuer Eigentümer den Mietvertrag des Buchladens verlängern würde und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Ein Vorbild für die Kaufabsichten wurde die „Fabrik für Handwerk Kultur und Ökologie e.V.“ in der Habsburgerstraße. Als der Eigentümer Christian Petty 1984 das Gelände verkaufen wollte, fanden sich bei einer großen Bettelaktion 500 Einleger, die innerhalb weniger Wochen (September – Dezember 1984) 1,2 Mio. DM Darlehen aufbrachten. Verwandte der Mieter, Bauern aus dem Dreyeckland, Umweltschützer aus dem gesamten Bundesgebiet hatten sich beteiligt. Am 1. Mai 1985 kam der Kaufvertrag zustande.

Verdeckter Kauf

Schon 1983 wurde eine GmbH und Co. KG gegründet, mit dem Ziel, Eigenkapital für den Kauf des Grundstücks zu erhalten. Es gelang, bis 1985 ca.175.000 Euro einzusammeln, die auf einem Treuhandkonto eines Freiburger Anwalts verwaltet wurden. Da OB Böhme eindeutig klar machte, den Kauf durch den Buchladen verhindern zu wollen, und als Aufsichtsrat die Freiburger Sparkasse anwies, keinen Kredit zu gewähren, wurde in Offenburg eine neue Gesellschaft gegründet, deren Gesellschafter in Freiburg unbekannt blieben. Der Freiburger Rechtsanwalt Gustav Schnepper führte erfolgreiche Kaufverhandlungen mit der Familie Kurt Specht. Am 8.11.1986 wurde das Grundstück für 750.000 Euro gekauft. Durch meine Aufsichtsratstätigkeit bei der Ökobank Frankfurt hatte ich Kontakt zur „Stiftung Umverteilen“ in Berlin, die ein Darlehen von 450.000 € gewährte. Der Restbetrag kam von Darlehensgebern oder Spendern. Insgesamt waren es 188 Personen. Die Eigenkapitalquote lag unter 10%. Die Freiburger Öffentlichkeit war verblüfft, da sie die wahren Käufer hinter der GmbH und Co KG nicht kannten.vii (Vergl. Anhang 1 Presseecho)