Links und rechts

(von Michael Berger)

Begriffsgeschichte im 19. Jahrhundert

Der Mensch ordnet die Welt dualistisch: vorne – hinten, oben – unten, rechts – links, schrieb schon Aristoteles. Bei den Römern gab man zur Begrüßung die rechte Hand, die Stufen ihrer Tempel waren immer ungerade, sodass man mit dem rechten Fuß beginnen musste, um mit dem rechten Fuß zuerst den Tempel betreten zu können. Schwierigkeiten hatten Griechen und Römer mit der Anatomie des Herzens, vom Gefühl her musste es rechts sein, aber sie wussten, dass es links war und versuchten das weg zu erklären. Rechts galt als die gute oder die Glücksseite. Mittelalterliche Bilder übernahmen diese Wertung und ordneten rechts und links Himmelsrichtungen zu: Rechts weist nach Osten, zum Sonnenaufgang und Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, links zum Westen, in die Nacht und den Tod. Die Darstellungen des Jüngsten Gerichts übernahmen diese Sichtweise.i

Diese Bewertung von rechts und links war auch 1789 für die Sitzordnung der Delegierten der Generalstände und der nachfolgenden Konstituante wirksam. Die Sitze mit Ehre und Ansehen waren, aus dem Blick des Parlamentspräsidenten rechts dem Adel vorbehalten, die bürgerliche Opposition musste auf der linken Seite Platz nehmen. Das deutsche Parlament in der Paulskirche 1848 übernahm dieses Muster. Befürworter der Monarchie und der Fürsten saßen rechts, Republikaner und Demokraten links. So konnte „Beharrung“ oder „konservativ“ mit dem Begriff rechts und „Veränderung“ oder „fortschrittlich“ mit dem Begriff links verbunden werden. Diese Deutung blieb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Die deutschen Reichstage ab 1870, der Bundestag 1949 und auch das Europa Parlament 1979 übernahmen die überkommene Sortierung der Parlamentssitze trotz erheblicher programmatischer Unterschiede innerhalb der „Rechten“ und der „Linken“, zu der nun auch Grüne und Ökoparteien gesetzt wurden.

Die heftigen Auseinandersetzungen in der deutschen Sozialdemokratie ab 1890 um die staatliche Sozialpolitik („Reform oder Revolution“) wurden noch nicht mit den Schlagworten links/rechts ausgetragen. Marx und Engels hatten die Begriffe fast nur im Sinne der parlamentarischen Sitzordnung verwendet. Erst die Trennung der Kommunistischen Fraktion anlässlich der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 führte zur Selbstbezeich-nung links durch Rosa Luxemburg. Künftig wurden innerhalb von SPD und KPD gemäßigte Flügel, meist die Mehrheit, als rechts, radikalere Minderheiten als links bezeichnet.