Links und rechts

(von Michael Berger)

Links und rechts sind politische Schlagworte mit unklarem Inhalt. In der Regel dienen sie zur wechselseitigen Abgrenzung von Milieus ohne eindeutige inhaltliche Festlegung. In der Regel werden diese Begriffe auch normativ verwendet, sie bewerten politisches Verhalten. Sie teilen das Problem aller Normen, verbindlich begründbar zu sein.

Eine kurze Geschichte der Begriffe

Die Geschichte der Begriffe teilt diese Schwierigkeiten, sie hilft nur wenig, zu einem aktuellen Inhalt von links und rechts zu gelangen. Aristoteles, der Denkriese, hielt fest, der Mensch ordne die Welt dualistisch: vorne – hinten, oben – unten, rechts – links. Seit den Römern gab man zur Begrüßung die rechte Hand, die Stufen ihrer Tempel waren immer ungerade, sodass man mit dem rechten Fuß anfangen musste, um mit dem rechten Fuß zuerst den Tempel betreten zu können. Schwierigkeiten hatten Griechen und Römer mit der Anatomie des Herzens, vom Gefühl her müsste es rechts sein, aber sie wussten, dass es links war und versuchten das weg zu erklären. Rechts galt als die gute oder die Glücksseite. Mittelalterliche Bilder übernahmen diese Wertung und ordneten rechts und links den Himmelsrichtungen zu. Rechts weist nach Osten, zum Sonnenaufgang und Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, links zum Westen, in die Nacht und den Tod. Insbesondere Darstellungen des Jüngsten Gerichts übernehmen diese Sichtweise.
Die Bewertung von Himmelsrichtungen war auch 1789 für die Sitzordnung der Delegierten der Generalstände und der nachfolgenden Konstituante vor der französischen Revolution wirksam. Die Sitze mit Ehre und Ansehen waren, aus dem Blick des Parlamentspräsidenten rechts, dem Adel vorbehalten, die bürgerliche Opposition musste auf der linken Seite Platz nehmen. Das deutsche Parlament in der Paulskirche 1848 übernahm dieses Muster. Befürworter der Monarchie und der Fürsten saßen rechts, Republikaner und Demokraten links. So konnte „Beharrung“ oder „konservativ“ mit dem Begriff rechts und „Veränderung“ oder „fortschrittlich“ mit dem Begriff links verbunden werden. Vorübergehend galten ab Mitte des 19. Jahrhunderts liberale Forderungen nach gleichem Wahlrecht und Entscheidungsrecht über Steuern als links, das Festhalten an der monarchischen Letztentscheidung dagegen als rechts. Allerdings sollte das Wahlrecht nur für Männer gelten, und der Vermögenszensus schloss die Mehrheit der Bevölkerung vom gleichen Wahlrecht aus. Es war also nicht weit her mit der angeblich naturrechtlich begründbaren „linken“ Forderung nach Gleichheit aller Menschen.
Die deutschen Reichstage ab 1870, der Bundestag 1949 und das Europa Parlament 1979 übernahmen die überkommene Sortierung der Parlamentssitze trotz erheblicher programmatischer Unterschiede innerhalb der „Rechten“ und der „Linken“, zu denen nun auch Grüne und Ökoparteien geschlagen wurden. Aus diesen Sitzordnungen kann kein inhaltlicher Begriff von links oder rechts gewonnen werden. Polemische Bemerkungen, diese Unterscheidung ganz aufzugeben sind unbegründet und verkünstelt.