Links und rechts

Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Bedeutung von rechts und links. Das Unterscheidungskriterium wurde die Zugehörigkeit zu einem Flügel der Arbeiterbewegung. Meist bezeichnete sich die Minderheit als links und nannte die Parteimehrheit rechts. Implizit wurde damit wieder „Beharrung“ für den Mehrheitsflügel und „Fortschritt“ für die Minderheit in Anspruch genommen. Leitend war die Vorstellung, dass der zentrale Widerspruch moderner Gesellschaften der Kampf zwischen Kapital und Arbeit sei.

Die heftigen Auseinandersetzungen in der deutschen Sozialdemokratie ab 1890 um die staatliche Sozialpolitik („Reform oder Revolution“) wurden noch nicht mit den Schlagworten links/rechts ausgetragen. Marx und Engels hatten die Begriffe fast nur im Sinne der parlamentarischen Sitzordnung verwendet. Erst die Trennung der Kommunistischen Fraktion anlässlich der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914 („Krieg oder Frieden“) führte zur Selbstbezeichnung links durch Rosa Luxemburg. Lenin verhöhnte jeden Widerspruch zu seinem Programm als „linke Kinderkrankheiten“. Stalin vernichtete wahllos angebliche „Rechts- wie Linksabweichler“ ohne ein inhaltliches Kriterium. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten, die ihre Bewegung als „Revolution von rechts“ deklarierten, wurde links zum Sammelbegriff für die unterlegenen demokratischen Kräfte. Nach der Befreiung vom Faschismus 1945 wurde links zum Begriff für den Widerstand, rechts für die Kollaboration.
Mit dem Godesberger Programm 1959 trennte sich die SPD von ihrem „marxistischen“ Erbe, beanspruchte aber gegenüber CDU und FDP links zu sein. Einzelne Gruppen von Intellektuellen verstanden sich nun als „Neue Linke“ indem sie sich einerseits gegen die SPD, andererseits gegen den Staatssozialismus der UDSSR und die kommunistischen Parteien im Westen abgrenzten. Die in England 1960 gegründete Zeitschrift New Left Review repräsentierte am ehesten diese Intellektuellen.