Links und rechts

Die verschiedenen Organisationen der Studentenbewegung und die nach ihrem Ende 1969 hervorgehenden „ML-Parteigründungen“ bezeichneten sich als links ohne inhaltliche Festlegung. Weitgehend einig waren sie nur darin, dass sie die Bundesrepublik nicht als ihre Nation ansahen. Als enthusiastische Internationalisten, die die Befreiungsbewegungen in der dritten Welt begrüßten, lehnten sie die BRD wie auch die DDR als Produkt der Siegermächte ab.
Auch die Frauenbewegung, die Friedensbewegung und die Umweltbewegung ab Ende der 1970er-Jahre verstanden sich als zum linken Milieu gehörig ohne dies inhaltlich zu begründen. Für terroristische Gruppierungen wie die RAF in der BRD oder die roten Brigaden in Italien setzte sich die Bezeichnung „Ultralinke“ durch.
1981 erschien ein Heft der Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“ mit dem Titel: „Was ist heute noch links?“ Die Redaktionen von Pflasterstrand und taz antworteten einhellig: wir wissen es nicht. Fast alle Beiträge sind sich jedoch darüber einig, dass „der Arbeiterkampf nicht mehr das verbindliche Deutungsmuster für soziale Bewegungen“ sein kann, Der grundlegende Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital reiche nicht aus, um weltpolitische Zusammenhänge, Zerstörung der inneren und äußeren Natur und patriarchalische Denk- und Verhaltensweisen zu begreifen. „Statt neuen Fixierungen stellen wir uns eine experimentelle Haltung vor, mit der wir unsere Begriffe und Methoden ebenso radikal überprüfen wie die Konventionen unserer eigenen Lebenspraxis, die marxistischen ebenso wie die im bunten, grünen oder lila Gewande.“ Diese subjektivistischen Sichtweise von links war inhaltsleer.
Die völlige Kehrtwende ehemals aktiver Linker als Publizisten und Politiker unter der Kanzlerschaft Schroeders beschreibt eindrucksvoll Gunnar Hinck. Programmatisch linke Gruppierungen schrumpften zur Bedeutungslosigkeit. Die notorische Neigung der Linken zur inneren Spaltung, “ihr Hang zur Rechthaberei und Haarspalterei war über Epochen hinweg eine Art Lebensversicherung für die konservativen Kräfte in Deutschland, wenn sich die Linke nicht so häufig darüber zerstritten hätte, welcher der richtigen Wege nun der allerrichtigste ist“ resumiert ein historischer Rückblick im Spiegel.