Links und rechts

Im Hintergrund solcher Äußerungen steht ein krudes Identitätsverständnis. Rene Descartes (1596-1650) hatte Identität als „Substanz“ definiert, etwas dauerhaft Seiendes, das in jedem Ding oder jeder Person als unveränderlicher Träger seiner Eigenschaften fungiere. Sigmund Freud (1856 – 1939) verstand dagegen „Identifizierung“ als psychischen Mechanismus, der nur eine prozesshafte Identität ermögliche. Diese Theorie wurde vor allem durch Erik H. Eriksons Buch „Kindheit und Gesellschaft“ 1950 populär. Erikson verstand Identität als die Selbstwahrnehmung, ein zusammengehöriges Ganzes zu sein. Dieses Gefühl sei nicht statisch, sondern müsse durch das Ich als Prozess mit der Wirklichkeit verarbeitet und permanent hergestellt werden. Durch Normen, Rollenmuster, Praktiken und Sprache vollziehe sich die Herstellung der Identität im Spannungsfeld der Selbstwahrnehmung eines Individuums und den sozio-kulturellen Denkweisen und Kategorien seines Umfeldes. Aufgrund der Fähigkeit zur Selbstreflexion könne der Mensch zudem seine eigenen Handlungen beobachten und dementsprechend seine Erwartungshaltungen anpassen sowie langfristige Selbstbilder, Wertvorstellungen und Ziele entwickeln. 

Die Eigentümlichkeit einer prozesshaft konzipierten Identität besteht allerdings darin, dass sie einen „sicheren“ festen Platz in der Welt, bzw. einen dauerhaft geltenden individuellen Lebenssinn nur ausnahmsweise vermittelt. An dieser unvermeidlichen Schwachstelle setzte der rechtspopulistische Identitätsentwurf an.

Rechtspopulistische Identitätsvorstellungen gehen von einem substantiellen Wesenskernes aus wie ihn Descartes formuliert hatte. Jeder Mensch sei durch seine nationale Zugehörigkeit bestimmt, die aus der Abstammung resultiere. Ein „kulturelles Erbe“, „genuine Traditionen“, die „historische Vergangenheit“ und die Sprache kreierten einen „spezifischen Volkscharakter“, der eng mit dem geographischen Lebensraum verbunden sei und durch Geburt übertragen werde. Jeder Einzelne sei daher Mitglied in einer schicksalsbestimmten Gemeinschaft und erhalte durch sie eine spezifische, aus der Tradition gewachsene Wesenheit. Mögliche Unterschiede zwischen den Einzelnen seien vernachlässigbar. Jedes Volk habe etwas genuin Eigenes, das nur in Form einer Blut-Abstammung übertragbar sei. Daraus ergebe sich die klare Unterscheidbarkeit des „Eigenen“ und des „Anderen“. Die vielschichtigen Lebenswelten und Subkulturen, die Vielzahl an Individuen innerhalb einer Gesellschaft werden ausgeblendet. Dem Einzelnen wird eine überschaubare Welt suggeriert, in der sein (Lebens-)Sinn determiniert sei. Das „Eigene“ muss erhalten und vor dem Verfall durch den Einfluss von „Fremden“ sowie „Feinden“ beschützt und verteidigt werden. Multikulturalismus, Feminismus, Masseneinwanderung und Islamisierung bedrohten das „Eigene“. Dieses Grundmuster ermöglicht viele Variationen von der Brauchtumspflege bis zum aggressiven Rassismus.